Inhaltsstoffe von Kosmetika: Dichtung und Wahrheit  – Teil 1 –  Arbutin und Hydrochinon

(Die kluge und bezaubernde Adelsblass und Kunterbunt schreibt wieder für mich! Dieses Mal zum Thema Arbutin. Dies ist der sehr ambivalent betrachtete Inhaltsstoff in BB Creams, der für das sogenannte Whitening zuständig ist. Bei Whitening handelt es sich nicht um Bleichen wie es vielfach verstanden wird, sondern Verhindern weitere Pigmentierung. Aber ich habe inzwischen einige Stimmen gehört, die Angst vor Arbutin haben und es kursiert im Netz eine Menge an Informationen, die mit Halbwissen beunruhigen. Da ich selbst auch nicht mehr als Halbwissen habe, habe ich Adelsblass und Kunterbunt hinzugezogen und möchte mich herzlich für ihre Engagement und Fachwissen bedanken!  – Falls Euch andere Inhaltsstoffe zu Dichtung und Wahrheit interessieren: Lasst uns doch einen Kommentar und eine Frage da.)

shelynx

 

Inhaltsstoffe von Kosmetika: Dichtung und Wahrheit

– Teil 1 –

Arbutin und Hydrochinon

 

In den Weiten des www spuken allerlei Informationen zu Kosmetik-Inhaltsstoffen herum. Da es für den Laien schwierig ist, hier zwischen „richtig und falsch“ zu unterscheiden möchte ich euch mit dieser Artikelserie eine Einschätzungshilfe für die (Un-)Gefährlichkeit verschiedener Inhaltsstoffe geben. 

 

Den Anfang machen Arbutin und Hydrochinon, die mit den BB-Creams Einzug in diesen Blog gefunden haben. Arbutin ist ein sekundärer Pflanzeninhaltsstoff aus z.B. Bärentraube Arctostaphylus uva-ursi. Aber auch Himbeeren, Weizenkeime, Birnen sowie Kaffee und Rotwein enthalten Arbutin [1].

Medizinisch genutzt wird dieser Stoff als Arzneitee bei Harnwegsinfektionen. Hier ist Arbutin aber nicht der eigentliche Wirkstoff, sondern ein „Prodrug“, das erst im Körper durch die Mikroflora im Darm in den eigentlichen Wirkstoff Hydrochinon und Glucose als Nebenprodukt zerlegt wird. Hydrochinon wirkt toxisch auf die Erreger, die einen Harnwegsinfekt bedingen [2]. In der Kosmetik finden Arbutin und Hydrochinon als Bleichmittel der Haut Anwendung, was auch ihr Vorkommen in „aufhellenden“ und BB-Creams erklärt. Der molekulare Wirkmechanismus beruht hier auf der Hemmung der Melaminsynthese, die für das „Bräunen“ der Haut verantwortlich ist [3]. Somit bleichen Arbutin und Hydrochinon die Haut im eigentlichen Wortsinn nicht, sondern verhindern nur ein Nachdunkeln, wie es z.B. bei UV-Einstrahlung geschieht. Im Internet kursiert die Annahme, dass Arbutin und Hydrochinon bei Menschen die Krebsentstehung fördert. Alle bisherigen Studien zur Mutagenität und Cancerogenität wurden aber nur in vitro (Zellkultur) oder an Nagetieren durchgeführt. Die direkte Übertragbarkeit auf den Menschen ist nicht gegeben und wurde auch bis heute nicht bewiesen [4, 5]. In einigen groß angelegten Studien wurden Menschen untersucht, die über längere Zeit (bis zu 50 Jahren) Hydrochinon ausgesetzt waren: dermal, oral und durch Einatmen. In keiner Gruppe konnte eine erhöhte Sterblichkeit beobachtet werden [7- 9], was dafür spricht, dass Hydrochinon für den Menschen nicht so gefährlich ist wie weithin angenommen. Studien, in denen Hydrochinon bei Menschen dermal appliziert wurden, belegen, dass nur etwa 50% des Hydrochinons auf diesem Weg vom Körper aufgenommen wird. Viel wichtiger ist aber die Erkenntnis, dass diejenigen Metabolite, die für das toxische, mutagene und cancerogene Potential in vitro verantwortlich sind, in keinen oder nur sehr geringen Mengen im Urin zu finden sind [6]. Diese geringen Mengen entsprechen in etwa dem Anteil von Hydrochinon im Urin nach dem Genuss von einigen Birnen oder mehreren Tassen Tassen Kaffee.

Nun aber zurück zum Arbutin. Auf der Haut sind keine Darmbakterien, aber kann die dortige Mikroflora das Arbutin ebenfalls zu Hydrochinon umwandeln? Die Antwort ist: ja [10]. Und zwar in einem vergleichbar hohen Maß wie die Darmbakterien, allerdings wurde auch diese Studie in vitro und nicht an Menschen durchgeführt. Wie gefährlich sind Arbutin und Hydrochinon also wirklich? Vollkommen ungefährlich sicher nicht, denn wie bei jedem Stoff besteht die Möglichkeit, dass er allergische Reaktionen auslöst. Außerdem ist Haut, die mit Hydrochinon behandelt wurde, besonders empfindlich gegenüber UV-Einstrahlung [11], also nicht den LSF vergessen! Die jahrelange Anwendung von Cremes mit einem Hydrochinonanteil von mehr als 5% kann zu Ochronose [12] (braunschwarze Hautverfärbung) führen. Die Anwendung während der Schwangerschaft scheint hingegen sicher zu sein [13]. Die „Panikmache“ ist allerdings nicht gerechtfertigt, da a) keine Studien zur dermalen Verfügbarkeit von Hydrochinon aus Arbutin im Menschen vorliegen, b) Hydrochinon im Menschen bisher kein toxisches, mutagenes und cancerogenes Potential zeigte und c) die Konzentration von Hydrochinon in Blut und Urin nach dermaler Applikation nicht wesentlich höher ist als nach einer großen Schüssel Obstsalat oder einer ausgeprägten Kaffeeliebe.

 

NACHTRAG 24.02.2013 (eingefügt von Shelynx)

Antwort von Adelsblass & Kunterbunt auf  einen aktuellen Kommentar:

“ …leider hat n-tv da nicht ganz genau zitiert, die Originalmeldung, die heute über die dts Nachrichtenagentur ging, besagt lediglich, dass Arbutin vom Bundesamt für Risikobewertung (BfR) als “gesundheitlich bedenklich” eingestuft wird.

Ich zitiere mal eben aus der Pressemeldung: “”Aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes ist die Verwendung von Arbutin wegen seiner Eigenschaft, Hydrochinon freizusetzen, kritisch zu sehen” , sagte ein Sprecher des BfR zur Begründung. Das Amt schließe sich deshalb einer Empfehlung des Scientific Committee on Consumer Safety (SCCS) der EU an. Nun sei es am Gesetzgeber, einen Grenzwert einzuführen. “Gefragt ist hier in erster Linie die EU”, sagte der Sprecher.”

http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2013-02/26062067-bundesamt-warnt-vor-wirkstoff-in-schoenheitscremes-003.htm

Der springende Punkt ist, dass sich das BfR wegen dieses “vorbeugenden Verbraucherschutz” der Richtlinie des SCCS angeschlossen hat. Die sind schon 2008 zu dem Schluss gekommen, dass die Verwendung von Arbutin in Kosmetika nicht sicher ist wegen der klinischen Nebenwirkungen – die übrigens keine Form von Krebs umfassen.

http://ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/04_sccp/docs/sccp_o_134.pdf

Somit ist die Meldung von n-tv dahingehend falsch, als dass das BfR Arbutin nicht als krebserregend eingestuft hat, was auch in sich total unsinnig wäre, da es keine einzige Studie gibt, die das belegt. Richtig ist hingegen, dass Arbutin vom BfR als “gesundheitlich bedenklich” eingestuft wird.

Meiner Meinung nach kommt es wie immer auf die Dosis an – jahrelang hochdosierte Arbutin-Cremes zu verwenden ist sicherlich genauso “gesundheitlich bedenklich” wie ohne Lichtschutzfaktor in die Sonne zu gehen. Deshalb finde ich es sehr sinnvoll, dass das BfR einen Grenzwert fordert, zumal dann endlich geeignete Studien durchgeführt würden, um eine eindeutige Aussage über die “gesundheitliche Bedenklichkeit” von Arbutin zu treffen.

In der Schweiz ist der Grenzwert für Arbutin in Kosmetika übrigens schon lange geregelt: 0,04 %. Und die Schweiz ist ja nicht gerade dafür bekannt, besonders schlampig im Verbraucherschutz zu sein. Nun kann ja die geneigte Nutzerin mal ihre Cremetube zur Hand nehmen und ein wenig rechnen…

Lange Rede, kurzer Sinn: Arbutin bleibt nach wie vor nicht krebserregend und ist lediglich aufgrund seiner mannigfaltigen Nebenwirkungen als “gesundheitlich bedenklich” eingestuft worden. Ich denke, dass die Beachtung des Schweizer Grenzwertes und aufmerksame Nutzung entsprechender Produkte durchaus auch die weitere Anwendung von arbutinhaltigen Cremes möglich macht.




Adelsblass und Kunterbunt ist promovierte Molekularbiologin, forscht mit pflanzlichen Sekundärstoffen und lehrt Phytochemie und Pharmakologie an einer deutschen Universität. 

 

[1]  van Wyk BE, Wink C, Wink M (2005) Handbuch der Arzneipflanzen, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart.
[2]  Quintus J, Kovar KA, Link P, Hamacher H (2005) Urinary excretion of arbutin metabolites after oral administration of bearberry leaf extracts. Planta Med 71, 147-152.
[3]  Maeda K, Fukuda M (1996) Arbutin: mechanism of its depigmenting action in human melanocyte culture. J Pharmacol Exp Ther 276, 765-769.
[4]  O’Donoghue JL (2006) Hydroquinone and its analogues in dermatology – a risk-benefit viewpoint. J Cosmet Dermatol 5, 196-203.
[5]  Nordlund JJ, Grimes PE, Ortonne JP (2006) The safety of hydroquinone. J Eur Acad Dermatol Venereol 20, 781-787.
[6]  Wester RC, Melendres J, Hui X, Cox R, Serranzana S, Zhai H, Quan D, Maibach HI (1998) Human in vivo and in vitro hydroquinone topical bioavailability, metabolism, and disposition. J Toxicol Environ Health A 54, 301-317.
[7]  Carlson AJ, Brewer NR (1953) Toxicity studies on hydroquinone. Proc Soc Exp Biol Med 84, 684-688.
[8]  Pifer JW, Hearne FT, Friedlander BR, McDonough JR (1986) Mortality study of men employed at a large chemical plant, 1972 through 1982. J Occup Med 28, 438-444.
[9]  Pifer JW, Hearne FT, Swanson FA, O’Donoghue JL (1995) Mortality study of employees engaged in the manufacture and use of hydroquinone. Int Arch Occup Environ Health 67, 267-280.
[10]  Bang SH, Han SJ, Kim DH (2008) Hydrolysis of arbutin to hydroquinone by human skin bacteria and its effect on antioxidant activity. J Cosmet Dermatol 7, 189-193.[11]
[11]   Engasser PG, Maibach HI (1981) Cosmetic and dermatology: bleaching creams. J Am Acad Dermatol 5, 143-147.
[12]   Findlay GH, Morrison JG, Simson IW (1975) Exogenous ochronosis and pigmented colloid milium from hydroquinone bleaching creams. Br J Dermatol 93, 613-622.
[13]   Mahe A, Perret JL, Ly F, Fall F, Rault JP, Dumont A (2007) The cosmetic use of skin-lightening products during pregnancy in Dakar, Senegal: a common and potentially hazardous practice. Trans R Soc Trop Med Hyg 101, 183-187.

Bild Arctostaphylus uva-ursi: Köhler FE (1883) Köhlers Medizinal-Pflanzen in naturgetreuen Abbildungen und kurz erläuterndem Texte