Inhaltsstoffe von Kosmetika – Dichtung und Wahrheit – Teil 6/3 – Sonnenschutz: Mythen und Märchen

Inhaltsstoffe von Kosmetika: Dichtung und Wahrheit

– Teil 6/3 –

Sonnenschutz: Mythen und Märchen

In den Weiten des www spuken allerlei Informationen zu Kosmetik-Inhaltsstoffen herum. Da es für den Laien schwierig ist, hier zwischen „richtig und falsch“ zu unterscheiden möchte ich euch mit dieser Artikelserie eine Einschätzungshilfe für die (Un-)Gefährlichkeit verschiedener Inhaltsstoffe geben.

Auch wenn dieser Sommer nicht dazu einlädt, stundenlange Sonnenbäder zu nehmen, geht es heute nach Basiswissen und der Bewertung von einigen Inhaltsstoffen zu den Mythen und Märchen rund um das Thema Sonnenschutz.

Mythos 1: „Sonnenschutz macht Hautkrebs!“

Immer wieder stolpere ich über diese Behauptung – auch wenn keiner der momentan verwendeten Inhaltsstoffe im Verdacht steht, cancerogen zu sein, hält sich dieser Irrglaube hartnäckig. Grund dafür ist eine Studie aus dem Jahr 2000, die einen Zusammenhang zwischen der Benutzung von Sonnenschutz und Melanomentstehung hergestellt hat [1]. Diese Studie ist aber irreführend – Personen mit heller Haut verwenden häufiger Sonnenschutzprodukte und sind gleichzeitig anfälliger für die Melanomentstehung. Somit reflektieren diese Studien eher einen Zusammenhang zwischen Hautkrebsentstehung und Sonnenempfindlichkeit statt Sonnenschutzanwendung [2].

In Abgrenzung hierzu gibt es viele Hinweise darauf, dass die regelmäßige Verwendung von Sonnenschutz das persönliche Hautkrebsrisiko reduziert. So konnte nachgewiesen werden, dass schon eine Sonnencreme mit SPF 15 sowohl vor primären als auch vor invasiven Melanomen („schwarzer Hautkrebs“) schützt [3]. Darüber hinaus beugt kräftiges Cremen in der Kindheit der Ausbildung von Muttermalen vor, einem Indikator für das individuelle Melanomrisiko [4, 5].

Sehr gut dokumentiert ist auch die Schutzwirkung gegen das Plattenepithelkarzinom, einer Form des bösartigen Hautkrebses. In einer Studie mit 1621 Australiern über zwölf Jahre konnte bewiesen werden, dass die regelmäßige Verwendung von Sonnenschutz mit SPF 16 das Risiko, ein Plattenepithelkarzinom zu entwickeln um 38 % senkte gegenüber der Kontrollgruppe, die keinen Sonnenschutz aufgetragen hatte.

Leider lassen sich diese Ergebnisse nicht auf Basalzellenkrebs, eine andere Form des Hautkrebses, übertragen – hier konnte bisher keine eindeutige Schutzwirkung nachgewiesen werden, was eventuell auch an den niedrigen SPFs der getesteten Produkte liegen könnte [6, 7].

Somit kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass Sonnenschutz vor Krebsarten wie Melanomen sowie Plattenepithelkarzinomen schützt und keinesfalls irgendeine Form von Hautkrebs fördert.

Mythos 2: „Sonnenschutz führt zu Vitamin-D-Mangel!“

Unser Körper braucht Vitamin D. Wenn die Haut UVB-Strahlen ausgesetzt wird, beginnt eine Reaktion im Körper, an deren Ende Vitamin D steht. Ein Mangel an Vitamin D kann z.B. zu kardiovaskulären Erkrankungen und Osteoporose führen und gilt als Risikofaktor für Krankheiten wie Asthma, Multiple Sklerose oder Demenz.

Und tatsächlich gibt es einige Studien, in denen ein um bis zum 50 % reduziertes Vitamin-D-Level in Patienten nachgewiesen wurde, die Sonnenschutz verwendeten [8-10]. Allerdings handelte es sich hierbei um Studien mit sehr wenigen Patienten unter Laborbedingungen. Noch dazu fehlen bei einigen dieser Studien Informationen über den konkreten Versuchsaufbau sowie korrekte Kontrollen. Somit sind diese Ergebnisse mit Skepsis zu betrachten, wenn nicht sogar als fehlerhaft einzuordnen [11].

Andere Studien untersuchten ebenfalls die Auswirkungen von regelmäßigem Sonnenschutzgebrauch auf das Vitamin-D-Level im Körper. Wieder waren es die Australier, die sich eincremen durften: Bei 113 Probanden wurde in sieben Monaten mit SPF 17 kein statistisch signifikanter Unterschied des Vitamin-D-Levels zwischen Kontroll- und Cremegruppe festgestellt [12]. Diese Ergebnisse werden durch eine Studie aus Boston unterstützt [13]. Dass die Verwendung von Sonnenschutz die Vitamin-D-Produktion sogar erhöht, wurde ebenfalls nachgewiesen [14]. Dies liegt allerdings vermutlich daran, dass geschützte Menschen öfter und länger in die Sonne gehen als ungeschützte [15].

Somit ist auch dieser Mythos aufgeklärt: Sonnenschutz verursacht keinen Mangel an Vitamin D. Und selbst wenn es so wäre, könnte man diesem Mangel mit Nahrungsergänzungsstoffen vorbeugen.

Mythos 3: „Solariumsbräune schützt vor Sonnenbrand!“

Kurz und knapp: Nein. In der brandneuen (no pun intended!) Publikation mit dem schönen Titel „Does artificial UV use prior to spring break protect students from sunburns during spring break?“ mit 163 Probanden kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Solariumsbräune keinen Schutz vor Sonnenbrand bietet. Der Effekt ist sogar gegenteilig und erhöht zusammen mit anderen Risikofaktoren wie heller Haut, längerer Sonnenaufenthaltsdauer und Nichtverwendung von Sonnenschutz das Sonnenbrandrisiko.

Besonders erschreckend ist, dass die Gruppe der „Gewohnheitsbräuner“ einen Sonnenbrand als notwendiges Übel auf dem Weg zur gewünschten Hautfarbe erachtet und oft auf Sonnenschutzprodukte komplett verzichtet [16].

 

Dies ist das Ende der Märchenstunde – wenn ihr noch mehr davon kennt, dann schreibt sie mir doch in die Kommentare, ich werde mich bemühen, auch hier die bösen Wölfe und Hexen zu verjagen.

Im nächsten Teil der Sommersonnenschutzwochen: „Natürlicher Sonnenschutz: was funktioniert und wovon man lieber die Finger lassen sollte“.

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Adelsblass und Kunterbunt ist promovierte Molekularbiologin, forscht mit pflanzlichen Sekundärstoffen und lehrt Phytochemie und Pharmakologie an einer deutschen Universität.

1. Westerdahl, J., C. Ingvar, A. Masback, and H. Olsson (2000) Sunscreen use and malignant melanoma. Int J Cancer 87: 145-50.
2. Dennis, L.K., L.E. Beane Freeman, and M.J. VanBeek (2003) Sunscreen use and the risk for melanoma: a quantitative review. Ann Intern Med 139: 966-78.
3. Green, A.C., G.M. Williams, V. Logan, and G.M. Strutton (2011) Reduced melanoma after regular sunscreen use: randomized trial follow-up. J Clin Oncol 29: 257-63.
4. Lee, T.K., J.K. Rivers, and R.P. Gallagher (2005) Site-specific protective effect of broad-spectrum sunscreen on nevus development among white schoolchildren in a randomized trial. J Am Acad Dermatol 52: 786-92.
5. Gandini, S., F. Sera, M.S. Cattaruzza, P. Pasquini, D. Abeni, P. Boyle, and C.F. Melchi (2005) Meta-analysis of risk factors for cutaneous melanoma: I. Common and atypical naevi. Eur J Cancer 41: 28-44.
6. Green, A., G. Williams, R. Neale, V. Hart, D. Leslie, P. Parsons, G.C. Marks, P. Gaffney, D. Battistutta, C. Frost, C. Lang, and A. Russell (1999) Daily sunscreen application and betacarotene supplementation in prevention of basal-cell and squamous-cell carcinomas of the skin: a randomised controlled trial. Lancet 354: 723-9.
7. van der Pols, J.C., G.M. Williams, N. Pandeya, V. Logan, and A.C. Green (2006) Prolonged prevention of squamous cell carcinoma of the skin by regular sunscreen use. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 15: 2546-8.
8. Matsuoka, L.Y., L. Ide, J. Wortsman, J.A. MacLaughlin, and M.F. Holick (1987) Sunscreens suppress cutaneous vitamin D3 synthesis. J Clin Endocrinol Metab 64: 1165-8.
9. Matsuoka, L.Y., J. Wortsman, N. Hanifan, and M.F. Holick (1988) Chronic sunscreen use decreases circulating concentrations of 25-hydroxyvitamin D. A preliminary study. Arch Dermatol 124: 1802-4.
10. Matsuoka, L.Y., J. Wortsman, and B.W. Hollis (1990) Use of topical sunscreen for the evaluation of regional synthesis of vitamin D3. J Am Acad Dermatol 22: 772-5.
11. Burnett, M.E. and S.Q. Wang (2011) Current sunscreen controversies: a critical review. Photodermatol Photoimmunol Photomed 27: 58-67.
12. Marks, R., P.A. Foley, D. Jolley, K.R. Knight, J. Harrison, and S.C. Thompson (1995) The effect of regular sunscreen use on vitamin D levels in an Australian population. Results of a randomized controlled trial. Arch Dermatol 131: 415-21.
13. Harris, S.S. and B. Dawson-Hughes (2007) Reduced sun exposure does not explain the inverse association of 25-hydroxyvitamin D with percent body fat in older adults. J Clin Endocrinol Metab 92: 3155-7.
14. Kligman, E.W., A. Watkins, K. Johnson, and R. Kronland (1989) The impact of lifestyle factors on serum 25-hydroxy vitamin D levels in older adults: a preliminary study. Fam Pract Res J 9: 11-9.
15. Thieden, E., P.A. Philipsen, J. Sandby-Moller, and H.C. Wulf (2005) Sunscreen use related to UV exposure, age, sex, and occupation based on personal dosimeter readings and sun-exposure behavior diaries. Arch Dermatol 141: 967-73.
16. Dennis, L.K. and J.B. Lowe (2013) Does artificial UV use prior to spring break protect students from sunburns during spring break? Photodermatol Photoimmunol Photomed 29: 140-8.

 

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