Inhaltsstoffe von Kosmetika: Dichtung und Wahrheit  – Teil 7 –  Aluminium

In den Weiten des www spuken allerlei Informationen zu Kosmetik-Inhaltsstoffen herum. Da es für den Laien schwierig ist, hier zwischen „richtig und falsch“ zu unterscheiden möchte ich (Adelsblass & Kunterbunt, Gastautorin) euch mit dieser Artikelserie eine Einschätzungshilfe für die (Un-)Gefährlichkeit verschiedener Inhaltsstoffe geben.

Kaum ein Inhaltsstoff von Kosmetika genießt momentan so viel Aufmerksamkeit wie Aluminium. In den Drogerieregalen recken sich kleine Hinweisschilder dem Deo-Käufer entgegen, die proklamieren, dass der Inhalt dieser Spraydose garantiert aluminiumfrei ist. Südamerikanische Catwalktrainer raunen im TV ebenso die momentan magische Botschaft, doch warum ist Aluminium auf einmal ein derartig ubiquitäres Thema?

ALUMINIUM & BRUSTKREBS 

Wie schon meine liebe Agata umfassend zu berichten wusste, basiert die Ablehnung gegenüber Aluminium zumeist auf einer Studie, die 2007 veröffentlicht und seitdem in Dauerschleife als Argumentationsgrundlage genutzt wurde.

Studie mit wenigen Patienten und ohne Referenzprobe gesunder Probanden

Forscher wiesen hier in Gewebeproben von 17 Brustkrebspatientinnen Aluminium nach, wobei die Menge im Außenbereich der Brust nahe der Achsel am höchsten war. Diese Beobachtung wurde mit der Vermutung in Zusammenhang gebracht, dass dies am Gebrauch aluminiumhaltiger Deos liegen könnte (Exley et al., 2007). Ein Vergleich mit Brustgewebe gesunder Patientinnen fand nicht statt, was menschlich nachvollziehbar ist, denn welche gesunde Frau würde sich für eine wissenschaftliche Studie freiwillig Brustgewebe entnehmen lassen?

Auch in einer vorhergehenden Studie fand lediglich der Vergleich zwischen malignem (krebsbefallenen) und noch gesundem Gewebe von 46 Frauen statt. Im noch gesunden Gewebe wurden rund 15 µg Aluminium pro g gefunden, im malignen rund 23 µg pro g. Die Autoren führten diese Beobachtung auf die gesteigerte zelluläre Aktivität und Blutzirkulation in malignem Gewebe zurück (Ng et al., 1997).

Keine der beiden Studien legte die Schlussfolgerung nahe, dass „Aluminium Krebs macht“. Nur leider wurden diese und viele andere Studien miss- und unverstanden und so manifestierte sich durch die Gebetsmühlen der Medien der Eindruck, dass der Gebrauch von aluminiumhaltigen Kosmetika zu Brustkrebsentstehung führt.

Studien mit isolierten Krebszellen nicht 1:1 auf den Menschen übertragbar

Zahllose Studien zur Wirkung von Aluminium auf isolierte Krebszellen wurden veröffentlicht. Besondere Bekanntheit erlangte dabei die Studie von Darbre, in der MCF7-Zellen (humane Brustkrebszellen außerhalb des menschlichen Körpers) mit Aluminiumchlorid, respektive Aluminiumchlorohydrat behandelt wurden und danach eine Veränderung der Östrogenaktivität festgestellt wurde (Darbre, 2005). Diese Veränderung kann bei der Brustkrebsentstehung eine wichtige Rolle spielen.

Wirksame Dosen Aluminium bisher im Menschen nicht nachgewiesen

Jedoch können Ergebnisse aus in vitro-Studien nicht 1:1 auf den Menschen übertragen werden und außerdem wurden in der Studie die Aluminiumsalze in hoher Konzentration (10-4 M) verwendet. Eine Lösung mit Aluminiumchlorid (M=133,34 g/mol), die 10-4 Molar ist, enthält rund 13,3 mg Aluminiumchlorid, bzw. 2,7 mg Aluminium (M=26,98 g/mol) pro Gramm Lösungsmittel.

Warum das wichtig ist? In den Studien, in denen malignes humanes Brustgewebe untersucht wurde, lag die Aluminiumkonzentration bei 23 µg pro g. Natürlich kann man Lösungsmittel nicht gleich Brustgewebe setzen, aber die Aluminiumkonzentration im Gewebe liegt um den Faktor 100 niedriger als im zellbasierten Versuchsaufbau. Schon allein dieser Umstand macht es enorm unwahrscheinlich, dass Aluminium in den Konzentrationen, die bisher in Gewebe gemessen wurden, einen Einfluss auf die Östrogenaktivität hat.

Keine Gesundheitsgefährdung durch Aluminium in Kosmetika

Im Oktober 2014 erschien ein ausführlicher Übersichtsartikel, der auf alle potentiellen Gesundheitsrisiken eingeht, die durch den Kontakt mit Aluminium auftreten könnten (Willhite et al., 2014). Um es kurz zu machen: Keine (!) der bisher veröffentlichten Studien konnte eine Gesundheitsgefährdung gleich welcher Natur durch die Verwendung von Aluminium in Kosmetika nachweisen. Zu diesem Schluss kommt auch das SCCS (Scientific Committee on Consumer Safety) in seiner „Opinion on the safety of aluminium in cosmetic products“ vom 18.06.2014 (SCCS, 2014).

Aluminium und Alzheimer

Die Brustkrebsgefahr durch aluminiumhaltige Deos können wir also sehr wahrscheinlich vergessen. Aber wollen wir auch alles andere vergessen? Immer häufiger taucht in Diskussionen über Aluminium auch die Behauptung auf, dass die Verwendung von entsprechenden Kosmetika zu Demenz, bzw. Alzheimer führen kann. Um die Pointe vorweg zu nehmen: Diese Gefahr besteht nicht, siehe die Stellungnahme der SCCS (SCCS, 2014).

Ergebnisse aus alter Studie nur eingeschränkt aussagekräftig und relevant

Doch wie kommt es zu solchen Fehlannahmen? Es war 1965, als Forscher herausfanden, dass durch die Applikation von Aluminiumsalzen in das Gehirn von Kaninchen Alzheimer-ähnliche Symptome und histologische Auffälligkeiten herbeigeführt werden konnten (Klatzo et al., 1965). Auch wenn die Erkenntnisse dieses Artikels durch zahlreiche andere Publikationen zwar nicht wiederlegt, aber doch in ihrer Aussagekraft und Relevanz stark eingeschränkt wurden (z.B. Bertholf et al., 1989; Grundke-Iqbal et al., 1985), hat es doch die Studie von 1965 geschafft, durch häufige Verweise vor allem in Internet-Diskussionen das Nonplusultra zu bleiben.

Die nächste Frage, die sich aufdrängt, ist: Kann Aluminium aus dem Körper überhaupt in das Gehirn gelangen, das heißt, die Blut-Hirn-Schranke überwinden? In kleinen Mengen ist dies möglich und in den Gehirnen von Menschen, die an Alzheimer verstorben sind, konnten erhöhte Mengen von Aluminium nachgewiesen werden, stellvertretend seien hier nur zwei Studien genannt (Trapp et al., 1978; Xu et al., 1992).

Grund für Aluminiumablagerungen in Alzheimer-Gehirnen bleibt unbekannt

Doch was war zuerst? Ähnlich dem Huhn und dem Ei ist bis heute nicht klar nachgewiesen, ob der Einfluss von Aluminium die Entstehung von Alzheimer bedingen oder ob Alzheimer zu einer verstärkten Aufnahme von Aluminium durch eine geschwächte Blut-Hirn-Schranke führen könnte.

Abgesehen davon gibt es auch zahlreiche Studien, die eben keine vermehrte Aluminiumablagerungen in Alzheimer-Gehirnen nachweisen konnten, auch hier nur der Hinweis auf zwei besonders interessante Studien (Bjertness et al., 1996; McDermott et al., 1979). Also wieder nichts mit der einfachen Gleichung „Aluminium macht Alzheimer“.

Natürlich piesacke ich euch jetzt wieder mit der Nicht-Übertragbarkeit von Studienergebnissen aus Zellkultur- und Tierexperimenten auf dem Menschen. Dies ist vor allem deshalb relevant, da Alzheimer eine multifaktorielle Krankheit ist, die sich so in vollem Umfang in keinem Tiermodell abbilden lässt (Chin, 2011; Webster et al., 2014).

Keine Gesundheitsgefährdung durch Aluminium in Kosmetika

Somit ist der Zusammenhang zwischen Aluminiumaufnahme und der Entstehung von Alzheimer höchst zweifelhaft. Krankhafte Vergesslichkeit durch exzessiven Deo-Gebrauch ist somit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen.

Aufnahme von Aluminium aus Kosmetika

Dennoch muss auch erwähnt werden, dass Kosmetika nicht die einzige Quelle für Aluminium sind. Der allseits beliebte Kapselkaffee, Kochgeschirr, Lebensmittel, Trinkwasser – so können Mengen zusammen kommen, die laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) unter Umständen über der tolerierbaren wöchentlichen Aufnahmemenge (TWI) von 1 mg/kg Körpergewicht für die Gesamtaufnahme von Aluminium über die Nahrung liegen. Da nur etwa 0,1 % des über die Nahrung aufgenommenen Aluminiums bioverfügbar ist, kann von einer systemisch verfügbaren täglich tolerierbaren Menge von 0,143 µg/kg Körpergewicht ausgegangen werden (EFSA, 2008).

Aufnahme von Aluminium nur an zwei Probanden untersucht

Aber wie viel Aluminium kann überhaupt über ein Deo vom Körper aufgenommen werden? Die meisten Deos enthalten etwa 20 % Aluminiumsalze, was einem Aluminium-Anteil von 5 % entspricht. Weiterhin gehen wir von einer zweimaligen Applikation pro Tag auf eine Hautfläche von 200 cm2 aus.

Die gesamte Erkenntnislage, was die Aufnahme von Aluminium über die Haut am lebenden Menschen angeht, basiert auf einer Studie von 2001, in der zwei (sic!) Probanden untersucht wurden. Hier wurde festgestellt, dass 0,012 % des applizierten Aluminiums durch die Haut absorbiert wurde (Flarend et al., 2001). Nach dieser Studie würde die systemische Expositionsdosis (SED) bei 0,175 μg/kg Körpergewicht/Tag liegen – was die systemisch verfügbare täglich tolerierbare Menge von 0,143 µg/kg Körpergewicht überschreiten würde (Bundesamt für Risikobewertung, 2014).

Daten aus Modellsystem nicht 1:1 auf den Menschen übertragbar

Etwas umfangreicher ist die Datenmenge, die aus einer Studie gewonnen wurde, in der ein Hautmodell verwendet wurde, die sogenannte FranzTM Diffusionszelle. Die Absorptionsrate für das Modell der gesunden Haut lag bei 0,96 % und 5,9 % im Modell für z. B. durch Rasur geschädigte Haut (Pineau et al., 2012). Auch hier läge die SED mit 0,0105 mg/kg für das gesunde und 0,0745 mg/kg für das geschädigte Hautmodell über der systemisch verfügbaren täglich tolerierbaren Menge der EFSA (Bundesamt für Risikobewertung, 2014).

Empfehlung von BfR beruht auf theoretischem Konstrukt

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat ausgehend von diesen Berechnungen und der Annahme, dass signifikante Mengen von Aluminium aus anderen Quellen aufgenommen werden, am 26.04.2014 eine Stellungnahme herausgegeben, die rät, auf Aluminium in Deos zu verzichten (Bundesamt für Risikobewertung, 2014).

Sicherlich ist diese Empfehlung nicht falsch, doch mich persönlich irritiert, dass sie auf einem theoretischen Konstrukt – den Werten aus der FranzTM Diffusionszelle – und Daten von gerade einmal zwei Probanden beruht. Ich persönlich würde mich bei dieser dünnen Studien- und Datenlage nicht an eine solche Empfehlung halten.

Schlussfolgerungen

Sehr gerne zitiere ich das „Scientific Committee on Consumer Safety“, das in der Verwendung von aluminiumhaltigen Kosmetika keinerlei gesundheitliches Risiko sieht, weder in Richtung Brustkrebs noch Alzheimer (SCCS, 2014).

Die dürftige Studienlage, auf der die Warnung des BfR basiert und die aktuelle Unbedenklichkeitseinschätzung der SCCS bringen mich persönlich zu dem Schluss, auch weiterhin aluminiumhaltige Deos zu benutzen.

Doch natürlich ist es jedem selbst überlassen, mündig zu entscheiden, ob Aluminium im eigenen Deo sein muss oder nicht – sich der medialen Panikmache hinzugeben, ist aber sicherlich weder nötig, noch zielführend.

Epilog

Mein Traum vom Glück sind informierte und reflektierte Verbraucher/innen, die nicht einfach alles glauben, was ihnen erzählt wird. Benutzt wissenschaftliche Datenbanken wie PubMed oder MedLine, lest Studienergebnisse und schaut dabei genau hin: Sind die Ergebnisse in einer Zellkultur (in vitro), einem Tiermodell oder in Studien am Menschen entstanden? Wurde eine statistisch sinnvoll große Gruppe an Menschen untersucht? Gibt es Vergleichsdaten aus gesunden/unbehandelten Menschen? Für wen arbeiten die Forscher/innen? Wo kommt das Geld her? Und nicht zuletzt: Was ist die Schlussfolgerung der Wissenschaftler/innen?

Denn schnell ist aus der vorsichtigen Formulierung „Stoff AB könnte unter Umständen vielleicht als unterstützendes Arzneimittel bei Alzheimer angewandt werden“ am Ende einer wissenschaftlichen Studie die neonleuchtende Schlagzeile „Stoff AB: Alzheimer geheilt!“ am Zeitungsstand geworden.

In diesem Sinne: Vielleicht konnte ich euch eventuell unter Umständen ein ganz klein wenig helfen. Es würde mich ganz enorm freuen.

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Adelsblass und Kunterbunt ist promovierte Molekularbiologin, forscht mit pflanzlichen Sekundärstoffen und lehrt Zellbiologie, Phytochemie und Pharmakologie an einer deutschen Universität.

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Bjertness, E., Candy, J.M., Torvik, A., Ince, P., McArthur, F., Taylor, G.A., Johansen, S.W., Alexander, J., Gronnesby, J.K., Bakketeig, L.S., et al. (1996). Content of brain aluminum is not elevated in Alzheimer disease. Alzheimer disease and associated disorders 10, 171-174.

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Willhite, C.C., Karyakina, N.A., Yokel, R.A., Yenugadhati, N., Wisniewski, T.M., Arnold, I.M., Momoli, F., and Krewski, D. (2014). Systematic review of potential health risks posed by pharmaceutical, occupational and consumer exposures to metallic and nanoscale aluminum, aluminum oxides, aluminum hydroxide and its soluble salts. Critical reviews in toxicology 44 Suppl 4, 1-80.

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